|
Wort zum Sonntag, Westfalen-Blatt 3.7.10
In eine katholische Gemeinde im Norddeutschen kam der Bischof zur Firmung und zur Visitation. Wie bei solchen Besuchen üblich, gab es auch ein Gespräch mit dem Pfarrgemeinderat. Wie ebenfalls häufig üblich stellten der Pfarrgemeinderatsvorsitzende und die Mitglieder des Rates dem Bischof die vielen Aktivitäten und das großartige Gemeindeleben in bunten Farben vor.
Der Bischof hört sich das geduldig bis zum Schluss an.
Nachdem der Pfarrgemeinderat zu Ende gesprochen hatte, ließ der Bischof
eine kleine Pause. In die entstehende Stille sprach er nur vier Worte:
„Vergesst die Armen nicht.“ Die Stille setzte sich fort. „Wir waren wie
vom Donner gerührt“, erzählte mir der Pfarrgemeinderatsvorsitzende, den
ich gut kenne, einmal. „Hatten wir über all unseren großartigen
Aktionen die Armen vergessen?“
Die Betroffenheit hatte nachhaltige Folgen. Gemeindemitglieder machten
sich mit der Frage auf den Weg: Wo haben die Armen in unserer Kirche
einen Platz? Das hat die Gemeinde verändert. Es ließ viele das
Evangelium neu lesen und verstehen. Sind wir Christen für die Armen
zuständig? Was haben sie mit unserem Gemeindeleben zu tun?
In den 1970er Jahren gaben sich die lateinamerikanischen Bischöfe auf
den weltweit beachteten Konferenzen von Medellin und Puebla Leitlinien
für ihr pastorales Han-deln. Sie entschieden sich für zwei vorrangige
Optionen: Die Option für die Armen und für die Jugend:
Zeitgleich tagte in Deutschland die Synode von Würzburg.
In ihrem Grundsatzpapier „Unsere Hoffnung“ formulierte sie sehr klare
Sätze: „Eine kirchliche Gemeinschaft in der Nachfolge Jesu hat es
hinzunehmen, wenn sie von den Klugen und Mächtigen“ verachtet wird.
Aber sie kann es sich um der Nachfolge willen nicht leisten, von den
Armen und Kleinen verachtet zu werden, von denen, die keinen Menschen
haben! Sie nämlich sind die Privilegierten bei Jesus, sie müssen auch
die Privilegierten in seiner Kirche sein.“
Schon Jahre vorher hatte das 2. Vatikanische Konzil eines seiner
wichtigsten Doku-mente so eröffnet: „Freude und Hoffnung, Trauer und
Angst der Menschen von heu-te, besonders der Armen und Bedrängten aller
Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger
Christi.“ (Gaudium et spes, Art. 1). Besser kann man christliche
Solidarität kaum ausdrücken. Ich meine, diesen Satz sollten Christen
aus-wendig können, „by heart“, wie es im Englischen heißt – „vom Herzen
her“ – und ihn sich zu Herzen nehmen.
Jesus selbst hat sich mit den Armen identifiziert: „Ich war hungrig,
ich war durstig, ich war gefangen, ich war fremd und obdachlos…. Was
ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“
(vgl. Mt. 25, 31ff)
Hier sind wir im Herzen des Evangeliums. Das was wir im Blick auf die
Armen getan oder unterlassen haben, wird zum Kriterium der Zulassung
zum Himmelreich. Das scheidet die Schafe von den Böcken.
Selbstverständlich gilt für alle Christen das, was der hl. Benedikt in
seiner Mönchsregel sagt: „Dem Gebet ist nichts vorzuziehen.“ Das Lob
Gottes steht an der ersten Stelle. In ihm wird auch der lebendige Gott
verkündet. Er ist jedoch derjenige, von dem Maria singt. “Er stürzt die
Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen“ (Lk. 1,52) Er ist
derjenige, der sich in Jesus, zuerst unter den Armen zeigt. Das hat
Folgen. In einem Dreiklang geht aus der Liturgie und der Verkündigung
die Diakonie hervor. Diese drei „Säulen“ der Kirche sind nicht
voneinander zu trennen. Wo eine Säule fehlt, ist nicht Kirche. Das
macht die Haltung zu den Armen zu einer spirituellen Grundhaltung. Die
Identifikation Jesu mit den Armen lässt Johannes Chrysostomus vom
Sakrament der Armen sprechen, da in ihnen Christus gegenwärtig ist.
Jahrhunderte später wird der salvadorianische Befreiungstheologe Jon
Sobrino formulieren: „Außerhalb der Armen kein Heil.“
Der Träger des Karlspreises der Stadt Aachen 2009, der Gründer der
Gemeinschaft Sant’ Egidio, Andrea Riccardi schreibt: „Nur wenn die
Christen die Armen kennenlernen, beginnen sie auf Fels zu bauen… . So
vollzieht sich eine universale Öffnung auf alle; niemand wird
ausgeschlossen... . Die Gemeinde wird für alle da sein, wenn sie für
die Armen da ist.“ (in A. Riccardi: Gott hat keine Angst, S. 104).
Dem ist wohl nichts hinzuzufügen. Der Ort der Armen ist die Kirche.
Klaus Fussy
Dechant und Leiter des Pastoralverbundes Schildesche-Jöllenbeck
|