Heim-suchen: heimelig oder unheimlich?

15098 maria besucht elisabeth 01 by friedbert simon pfarrbriefserviceWort zum Sonntag, Westfalen Blatt, 2. Juli 2016

Mit pfiffigen Kurzfilmchen werben manche Sendeanstalten für ihre Gegend:

verschiedene Menschen stellen sich als „typisch und gern von dort“ vor. Der NDR wirbt mit: „Das Schönste am Norden ist …“, beim Bayrischen Rundfunk heißt’s am Schluß: „ … und do bin i dahoam!“(= und hier bin ich daheim). – Heimat, Heimkehr, heimelig, „homewear“ (engl. = bequeme Kleidung für zuhause) – das sind positiv besetzte Begriffe. Andere wie „Heimunterbringung“, „im Heim aufgewachsen“, „Altersheim“ klingen in vielen Ohren nicht gut.- Mit diesen Vorüberlegungen möchte ich Sie, liebe Leserin, lieber Leser auf ein Wort vorbereiten, das heute, am 2. Juli, in katholischen Kalendern steht: Mariae Heimsuchung. („Mariae“ = lat. Genitiv: „Heimsuchung Mariens“) Beide Sprachen legen Mißverständnisse nahe: Das erste: Wer um Himmels Willen sucht Maria heim? Ihre sonst nirgendwo erwähnte (evtl. böse?) Schwiegermutter? Oder wer sonst könnte etwas von ihr wollen? Heimgesucht wird man ja entweder von einer unangenehmen Person, oder schlimmer, von einer Katastrophe. Ein zweites Mißverständnis: Sucht die schwangere Maria ein neues Heim? Knapp sechs Monate vor der Geburt Jesu (Weihnachten) hätte sie Anlaß dazu, für die entstehende Familie schon mal ein neues Heim zu suchen. (Wiewohl es am Ende ja nichts genützt hätte, denn sie mußten für die Volkszählung ja nach Bethlehem…) – Nein, wie so häufig „bei Kirchens“: Es ist wieder ganz anders. Aber eines stimmt doch: Maria sucht ein Heim auf: Sie, seit kurzem schwanger, macht sich auf den Weg zu ihrer weit älteren Verwandten Elisabeth, die, wie sie gehört hat, in ungewöhnlich hohem Alter ebenfalls schwanger geworden ist. Nicht Sensationslust treibt sie, sondern Freude über ihrer beider Glück, vielleicht ein wenig Neugier, aber auch die Bereitschaft zu helfen: Mensch, wir beide in gleicher Situation – ich noch jung und du schon abgeklärt und lebenserfahren, aber wir beide doch völlig überrascht  – da wollen wir doch zusammenstehen, uns zusammen freuen und unterstützen. - Mariae Heimsuchung ist ein traditioneller, alter Begriff, der diese beiden besonderen Frauen ins Licht rückt als Trägerinnen leibhaftiger Gottesbotschaften: Elisabeth wird Johannes (hebr. = „Gott ist gnädig“), den künftigen Bußprediger, gebären, der – wie der Engel verheißen hatte – mit der Kraft des Propheten Elija viele zu Gott bekehren und die Herzen vieler Väter wieder ihren Kindern zukehren wird (Lk 1,17). Maria wird Jesus zur Welt bringen (hebr. = „Gott rettet“), den Retter und Erlöser. - Ich nehme an, das Heim Elisabeths, der Frau eines Tempelpriesters, wird wohl heimelig gewesen sein. Nach der Überlieferung des Neuen Testamentes stimmt Maria hier ein ungewöhnliches Lied an in jugendlichem Überschwang aber in nicht weniger tiefer Gläubigkeit und prophetischer Sicherheit: das Magnificat: „Hochpreiset meine Seele den Herrn und mein Geist jubelt über Gott meinen Retter … Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und läßt die Reichen leer ausgehen. …“ (Lk 1,46-55) Dieser frauliche Protestgesang gegen die immer gleichen Mechanismen (nicht selten von Männern geschaffen und als „gottgegeben“ verteidigt) „reich wird reicher – arm wird ärmer“, gegen das Treten derer, die oben sind auf die, die unten stehen, ist in allen Jahrhunderten nicht verklungen. Von Luther interpretiert, vom großen Lutheraner Bach grandios vertont und hunderte Male vor ihm und nach ihm – erfüllt sich ihre Prophetie „Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter.“  Der Heimsuchungs-Gesang Mariens bleibt ihr kostbares Vermächtnis und Auftrag an alle Leserinnen und Leser der Heiligen Schrift, jede un-heim-liche Welt(un)ordnung noch einmal anders durcheinander zu bringen und im Licht des Evangeliums zu ordnen. Da sind vom Heimgesucht-werden durch Katastrophen und Kriege bis zum Heimat-finden und wieder Heimfinden noch viele Verhältnisse umzukehren und viele Strecken zu gehen.

Einen erholsamen Sonntag wünscht Ihnen         Pfarrer Bernhard Brackhane

 

 Pfarrer Bernhard Brackhane, Foto Westfalen Blatt

 

Bildquelle: Pfarrbriefservice © Friedbert Simon

 

 

Bernhard Brackhane
Pfarrer und Leiter des Pastoralverbundes Bielefeld-Ost

 

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