"Du bekommst mich nicht zum Feind"

17357 mit jesus by peter weidemann pfarrbriefserviceWort zum Sonntag, Westfalen Blatt, 13. August 2016

Christsein im Zeitalter der Gewalt

In einer Pressemeldung las ich vor ein paar Tagen, es gebe einen Zusammenhang zwischen Religiosität und Menschenfeindlichkeit. Das sei statistisch belegt. Die Menschenfeindlichkeit sei unter den religiösen Menschen am größten, die ihre Religion als „die einzig wahre verstünden“, sagt der Bielefelder Gewaltforscher Andreas Zick. Wenn diese Forschungsergebnisse wirklich stimmen, ist das zutiefst erschreckend.
Wir leben in einer Zeit, in der die Meldungen über Gewalt und Terror fast schon an der Tagesordnung sind. Nicht alle Taten der vergangenen Woche waren terroristisch motiviert, obwohl manche Medien damit sehr schnell bei der Sache sind. Die Tat von München war der Amoklauf eines psychisch Kranken.
Aber der „Islamische Staat“ beruft sich eindeutig auf die Religion. Bevor wir aber den Islam insgesamt für gewalttätig erklären (ich bin erstaunt, wie viel das sofort zu tun bereit sind, ohne die Glaubensinhalte wirklich zu kennen), lohnt sich auch ein Blick auf das Christentum.
Die Geschichte der Kirche durch die Jahrhunderte hindurch, scheint der These des Bielefelders durchaus Recht zu geben. Sie ist kein Ruhmesblatt in Sachen Gewaltfreiheit.
Aber entspricht das Lehre und Leben Jesu?
Ein Blick in die Bergpredigt genügt! „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist, du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen“. (Mt 5,43-44)
Des Weiteren: „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut keinen Widerstand, sondern, wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die andere hin.“ (Mt 5,38-39)
Es handelt sich um nichts Geringeres als um eine Weisung Jesu an seine Jünger.
Man mag jetzt argumentieren, dass die Bergpredigt unerfüllbar sei (nach Martin Luther), sie mag abschätzig „schwärmerisch – enthusiastisch“ genannt werden, wie andere Theologen es taten – es bleibt eine unbequeme Wahrheit, dass Jesus das so und nicht anders an seine Jünger weitergab.
Alles andere wäre natürlich viel einfacher: „Wie du mir, so ich dir. Schlägst du mich, schlag ich dich auch.“ Aber das kommt zu keinem Ende – zu einen glücklichen schon gar nicht.
Das Faszinierende an Jesu Weisung ist jedoch, dass er durch einen geschickten Schachzug den Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt und damit jeglicher Eskalation gänzlich verlässt. „Die andere Wange“ überrascht den vermeintlichen Gegner auf unübertreffliche Weise und bedeutet ihm: „Du kannst machen, was du willst, du bekommst mich nicht zum Feind.“.
Jesus selbst hat auch dann auf alle Gewalt verzichtet, als ihm Gewalt angedroht wurde und er schließlich der Gewalt zum Opfer fiel.
Petrus, der bei Jesu Verhaftung das Schwert zückte und einem Diener des Hohepriesters das Ohr abhieb, sagte er: „ Steck das Schwert in die Scheide.“ (Joh 18,10). Nach dem Lukas-Evangelium heilte er sogar das Ohr des Dieners. (Lk 22,51)
Kann man vom Christentum behaupten, es sei eine gewalttätige Religion? Einer Religion, die die Gottes- und Nächstenliebe ins Zentrum stellt und einen liebenden Gott verkündet, kann man nur das Gegenteil bescheinigen.
Allerdings: Die Christen sind aufgerufen, das auch zu leben! Nun könnte jemand sagen: Jesus gut und schön – aber wir sind nicht Jesus! Aber an wem sollen wir uns denn sonst orientieren, wenn wir den Anspruch haben, ihm nachzufolgen?
Dass das einfach wäre, hat er uns nicht versprochen und unser Alltag vom frühen Morgen bis zum späten Abend beweist das.
An seine Weisung aber kommen wir nicht vorbei – gerade in einer Zeit der Gewalt.

 

Klaus Fussy, Dechant

 

 

Bildquelle: Pfarrbriefservice © Peter Weidemann

 

 

Pfarrer Klaus Fussy, Dechant
Gemeinschaft St. Egidio Bielefeld

 


 

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