Einer geht noch ...

u bahn station fa by peter weidemann pfarrbriefserviceWort zum Sonntag, Westfalen Blatt, 24. September 2016

Will man zur Urlaubszeit im Südtiroler Vinschgau mit der Eisenbahn von A nach B fahren, sollte man wegen der meist zahlreichen Fahrgäste einen »frühen Zug« nutzen, denn ab 9 Uhr sind die Bahnen meist überfüllt, und die Mitfahrenden stehen dicht gedrängt im Abteil – zwischen Fahrrädern und großen Wander-Rucksäcken. Genauso war es auch, als ich im vergangenen August dort einstieg und wieder mal dachte: Naja, wird schon irgendwie gehen. Wenn jeder noch ein bisschen aufrückt, dann passen alle rein. »Einer geht noch...«

Inzwischen bewegungsunfähig zwischen genervten Reisenden in deodorant-geschwängerter Luft hoffe ich jetzt allerdings, dass an der nächsten Haltestelle keiner mehr versucht, sich noch hineinzuquetschen, denn »einer geht noch...« passt jetzt nicht mehr. Außer – es steigt jemand aus, aber bitte nicht von ganz hinten! Die Enge lässt die einen Fahrgäste solidarisch Blicke austauschen, andere spürbar nervös werden, weitere mit bissig-humorigen Sprüchen reagieren. Dann schiebt an der nächsten Haltestelle noch einer seinen großen Koffer von draußen in eine bis dahin nicht vorhandene Lücke und drängelt sich schließlich selber in das überfüllte Abteil. Die Tür schließt soeben noch hinter ihm, der Zug fährt weiter. Eine Ecke vom großen Koffer bohrt sich derweil einem Fahrgast ins Knie, und der – nicht ausweichen könnend – macht seinem Ärger über die Rücksichtslosigkeit und Ignoranz des zuletzt Zugestiegenen lauthals Luft. Als sich an der nächsten Station die Tür öffnet, befördert er den Koffer dessen, der noch nicht die Absicht hat, die Bahn wieder zu verlassen, mit einem Schwung nach draußen auf den Bahnsteig. Das nun ausgelöste Gerangel, Streiten, Schieben, Pöbeln und teils schadenfrohe Grinsen ist wohl mühelos vorstellbar...

Diese Szenerie des überfüllten Zuges mag einfach der Unterhaltung oder auch der Sozial-Studie dienen. Wie die Situation hätte weiter eskalieren können, überlasse ich Ihrer Phantasie. Mir geht es vielmehr um die Frage: Was ist, wenn eben nicht mehr gilt »Einer geht noch, einer geht noch rein...«? Und wenn es dabei gar nicht um das überfüllte Zugabteil geht, auch nicht um einen Theatersaal, ein Restaurant oder einen Volkshochschulkurs, in dem kein Platz mehr frei ist, sondern um mein Herz?

Den katholischen Christen wird an diesem Sonntag in der Kirche das Gleichnis vom reichen Mann und dem armen Lazarus zugemutet, der elendig draußen vor der Tür des im Wohlstand Schwelgenden liegt und leer ausgeht. Selbst die Abfälle vom Tisch bekommt er nicht. Und ob er überhaupt je eines Blickes gewürdigt wird, erfahren wir nicht. Nur die Hunde lecken ihm seine Geschwüre. Warum erzählt Jesus dieses Beispiel vom Abgrund zwischen dem Überfluss des einen (der nicht mal etwas überfließen lässt) und der Armut des anderen? Will er den Reichen wieder einen auf den Deckel geben, weil das Wohlhabend-Sein unmoralisch ist? Ist es das?

Oder geht es gar darum, dass der Reiche, der mit dem Erhalt seiner eigenen Güter, Annehmlichkeiten und Sicherheiten beschäftigt ist, so besetzt und überfüllt ist, dass in seinem Herzen nicht mal mehr ein Spalt frei ist für den, der im Elend vor seiner Tür liegt?

Es möge der je persönlichen Betrachtung des »Reichen« überlassen bleiben, ob er mit seinem Reichtum dem Armen dient oder ob er davon so »voll besetzt« ist, dass keine Not mehr bei ihm ankommen kann. Wenn letzteres zutrifft, dann ist es wohl an der Zeit, im Herzen auf- und auszuräumen, Platz zu machen für das, was die Menschen, die einem begegnen, bewegt – sonst wird aus dem »Besetzt-Sein« nachher noch ein »Besessen-Sein«.

Dass Sie hier und da loslassen können, um in Ihrem Herzen wieder Platz zu schaffen, das wünsche ich Ihnen.

Ihre Eva-Maria NolteEva-Maria Nolte 2013

 

 

 

Eva-Maria Nolte, Gemeindereferentin im Pastoralverbund Bielefeld-Ost

Bildquelle: Pfarrbriefservice, © Peter Weidemann

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