„Sei gegrüßet, o Libori“

13224 dsc 9532 by michael bogedain pfarrbriefserviceWort zum Sonntag, Westfalen Blatt, 22. Juli 2017

Da strömen die Massen wieder aus der ganzen Region zum größten Volksfest Ostfwestfalens, auch aus Bielefeld:
Eine Woche lang wird in Paderborn Libori gefeiert.

Die meisten verbinden dieses Fest mit Kirmesrummel, Bratwurst, Bier, Open-Air-Konzerten in der Innenstadt. Wenn das Wetter schön ist, verwandelt sich die zweitgrößte Stadt der Region zu einer großen Bühne mit fast mediterraner Piazza-Atmosphäre – und das ist richtig gut.
Zum Duft von Würstchen gesellt sich an Libori aber auch der Duft von Weihrauch, und was man sonst kaum noch kennt:
Der mächtige Dom ist zu den großen Gottesdiensten berstend voll mit Menschen. Wer am Samstag zur Eröffnungs-Vesper oder am Dienstag zur Rücksetzung der Reliquien nicht rechtzeitig da ist, steht draußen auf dem Domplatz.
Tausende von Menschen singen dann mit Inbrunst jenes Lied: „Sei gegrüßet, o Libori.“ In Bielefeld klingt dieses Lied in den Gottesdiensten schon verhaltener.
Doch was zieht, abgesehen von der Kirmes und der Open-Air-Kultur, die Menschen zum Reliquienschrein des heiligen Liborius, des Patrons des Erzbistums Paderborn?
Ist es nur Tradition oder Folklore?
Oder steckt in vielen doch die Sehnsucht nach etwas Größerem oder nach DEM Größeren tiefer als man denkt. Vielleicht sucht man auch die Nähe vieler anderer, die den Glauben einfach feiern möchten, möglicherweise umso mehr in Zeiten oft nervtötender Strukturdebatten oder gefühlter Vereinzelung in den Gemeinden.
Auffallend ist ja auch, dass das Pilgern wieder neu entdeckt wird, nicht nur nach Santiago de Compostela. Das Bistum Osnabrück lädt jedes Jahr zu einer Wallfahrt nach Telgte ein. Letztes Jahr waren es 10.000 Menschen, dieses Jahr 12.000. Zahlensteigerungen kennen wir in unserer Kirche eigentlich schon lang nicht mehr, und an Zahlen lässt sich manches sicher nicht ermesse, einiges aber schon, sowohl an zurückgehenden als auch an steigenden.
Dabei ist der Anlass fast egal.
Was haben wir mit Liborius heute noch zu tun: ein Bischof in Frankreich des 4. Jahrhunderts? Allerdings war er eng befreundet mit einem der großen Heiligen, die sich bis heute jenseits regionaler Verbundenheiten höchster Beliebtheit erfreuen: Martin von Tours. Jedes Kind schon sollte ihn kennen(lernen), ein Beispiel von Teilen und Solidarität mit den Armen.
836 wurden die Gebeine des heiligen Liborius nach Paderborn gebracht, was die Anziehungskraft der Stadt im Mittelalter außerordentlich erstarken ließ.
Nun  ist uns heutigen Christen die Reliquienverehrung nicht mehr „in die Wiege gelegt“, mehr noch: sie ist vor allem uns nüchternen Mitteleuropäern eher fremd geworden.
Was verbindet uns also noch mit dem heiligen Liborius?
Er bezeugt etwas für diese Zeiten sehr Aktuelles.
Der Bischof von Le Mans steht für die älteste Städtepartnerschaft der Welt.
Durch alle Kriegswirren und Verfeindungen zwischen Deutschland und Frankreich hindernd hat diese Freundschaft stets gehalten. Liborius ist ein Heiliger des Friedens.
Nicht erst Nachkriegspolitiker, deren Verdienste sicher groß waren, waren es, die die Versöhnung zwischen den beiden europäischen Staaten begründeten, sondern schon jener „Liebesbund ewiger Bruderschaft“ zwischen den beiden Städten in Nordfrankreich und Westfalen.
Nach was mehr kann man sich in diesen Gewalttätigen Zeiten sehnen als nach Frieden zwischen den Völkern aller Sprachen? Liborius war in seiner Nachwirkung ein Heiliger des Friedens und weist hin auf den Gott, dessen Name Friede ist und auf seinen Sohn Jesus Christus, der die Friedenstiftenden seliggepriesen und der aufgerufen hat, selbst die Feinde zu lieben, um so die Feindschaft aufzulösen.
So ruft uns dieses Fest zum Frieden auf – mit uns selbst, mit den anderen, mit Gott.
Ob die Menschen sich nicht auch danach sehnen, wenn sie den Dom zu Paderborn füllen?
Auf ein friedvolles und friedenstiftendes Liborifest!

 

Klaus Fussy, Dechant

 

 

Bildquelle: Pfarrbriefservice © Michael Bogedain

 

 

Pfarrer Klaus Fussy, Dechant
Gemeinschaft St. Egidio Bielefeld

 

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