„Ötzi aus dem Eis“

kopfe von hinten by klaus kegebein pfarrbriefserviceWort zum Sonntag, Westfalen Blatt, 2. September 2017

„Ötzi aus dem Eis“ und „Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?“ (Psalm 8,5)

 

In den Spätsommertagen des Septembers wurde 1991 in den Ötztaler Alpen eine „Gletschermumie“ entdeckt, die durch das Abschmelzen des Gletschereises freigelegt wurde. Anfangs ging man mit „Ötzi“ etwas grob um, pickelte ihn mit der Bergsteigerausrüstung los und zerrte ihn aus seinem Eisbett – bis man erkannte: Er ist kein verunglückter Bergsteiger aus den 70ern, sondern ein Toter aus der Jungsteinzeit. Die „Ehrfurcht“ vor dem über fünftausend Jahre alten Sensationsfund veranlasste die Beteiligten schließlich, ihn mit größter Sorgfalt zu behandeln. Später stritt man sich um die Rechte an dem Mann aus dem Eis: ob er - im Grenzbereich der Länder – Österreicher, Italiener bzw. Südtiroler sei. Seit vielen Jahren nun kann man ihn im Bozener Archäologie-Museum besuchen: unter den klimatischen Verhältnissen des Gletschereises. Ich gebe zu, dass auch ich ihn dort schon angeschaut habe, weil mich die Geschichte vom Mann aus dem Eis buchstäblich nicht kalt lässt – vielleicht, weil ich kurz vor dem Fund an eben dieser Stelle in den Bergen unterwegs war – ohne etwas von dem noch Verborgenen am Wegesrand zu erahnen: von dem einen unter Milliarden von Menschen.
Wieviele Menschen mag es wohl schon auf der Welt gegeben haben? Verlässt man sich auf demographische Erkenntnisse und Hochrechnungen, könnten im Laufe der Menschheitsgeschichte 110 Milliarden Menschen auf der Erde geboren worden sein. Die Wirklichkeit kann durchaus um Milliarden abweichen - dennoch eine un-vorstellbare Anzahl von Menschen. - Was mich daran bewegt:
Schon vor mehr als 5000 Jahren haben Menschen dieselbe Route und dieselben Steine betreten wie wir heute. Was bedeutet ein Mensch unter 110 Milliarden? Was macht seine Würde aus? Ist es eines Menschen würdig, ihn – wenn auch als 5000 Jahre alte Gletschermumie - im Museum auszustellen? Andererseits: Ist es nicht auch eine Form der Würdigung, sich mit der Welt, den Lebensbedingungen der Steinzeit zu beschäftigen, zu fragen, wie man damals lebte und was diesen Menschen, der wahrscheinlich einem Mord (durch Pfeilschuss) zum Opfer fiel, veranlasst hat, so hoch in die Berge zu steigen? (Jagd, religiöse Gründe; den „heiligen Bergen“ näher zu sein…)
Wir werden die Umstände von damals vermutlich niemals ganz erforschen, aber der „Gletschermann“ könnte uns dazu veranlassen, jedem Menschen mit Würde zu begegnen – als wäre er ein „Sensationsfund“. Zugegeben – nicht alle unserer Zeitgenossen/-innen machen es uns leicht ... – „Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?“ (Psalm 8,5) So betet einer, der sich der Liebe Gottes gewiss ist, einer von inzwischen 110 Milliarden Menschen – oder auch einer Milliarde weniger. Aber auf eine Milliarde kommt es nicht an – jedenfalls nicht, wenn es um die Menge von Würde und Liebe geht.
Papst Johannes XXIII. hat es im letzten seiner „10 Gebote der Gelassenheit“ so ausgedrückt: „Nur für heute werde ich fest daran glauben – selbst wenn die Umstände das Gegenteil zeigen sollten – dass die gütige Vorsehung Gottes sich um mich kümmert, als gäbe es sonst niemanden auf der Welt.“ In diesem Sinne…
Ihre Eva-Maria Nolte

 

Eva Maria Nolte 2017

 

 

 

Eva-Maria Nolte, Gemeindereferentin im Pastoralverbund Bielefeld-Ost

Bildquelle: Pfarrbriefservice, © Klaus Kegebein

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