Patronin der Caritas

elisabeth1 von klaus metz by peter weidemann pfarrbriefserviceWort zum Sonntag, Westfalen Blatt, 19. November 2016

Der 19. November ist ein aufgeladenes Datum. Er steht für eine der faszinierendsten Gestalten der religiös-politischen Geschichte Deutschlands. Denn dieser 19. November ist der Gedenktag von Elisabeth von Thüringen.

Ihr Tag fällt heute in eine Phase, in der die Weltöffentlichkeit sensibel sein sollte für Fragen von Macht, Geld und sozialem Bewusstsein. Denn es gibt Zusammenhänge, die nachdenklich stimmen: Manche der heute wohlhabenden Länder sind die früheren Kolonialherren jener Regionen der Erde, wo derzeit Armut Krisen auslöst. Oder: In den Vereinigten Staaten von Amerika wird ein schwerreicher Bauunternehmer zum neuen Präsidenten gewählt, der das Land noch stärker machen will, indem er Sozialleistungen und Flüchtlingstoleranz abbaut.

Damit stehen wir genau in jener Thematik, die das Leben von Elisabeth von Thüringen so widersprüchlich prägte: Wie wird Macht zum Dienst am Menschen, wie setzen finanzstarke Mächtige ihr Geld ein? Und denken sie überhaupt darüber nach, woher ihr Reichtum ursprünglich stammt?

Elisabeth war Landgräfin, sie gehörte im 13. Jahrhundert zu einer mächtigen Familie, deren Netzwerk halb Europa beherrschte. Überall saßen ihre Verwandten auf Fürstenthronen – immer gut gesichert auf befestigten Burgen. Sie selbst wohnte lange auf der berühmten Wartburg, in die später auch einmal Luther sich fluchtartig zurückziehen sollte. Aber beeinflusst vom Evangelium war dieser Frau ihre eigene Lebenssituation ein Problem, denn Jesus hatte vom »ungerechten Reichtum« (Lk 16,11) gesprochen.

Bei der jungen Fürstin löste die Herkunft ihres eigenen Lebensstandards Gewissensbisse aus: Sie sah Dinge auf ihrem reichgedeckten Tisch, die vorher als Abgaben von eigentlich völlig überforderten armen Bauern erpresst worden waren. Ihr Landbesitz war durch militärische Aktionen erworben; die Früchte, die jetzt davon als Abgaben hereinkamen, wertete sie – wie viele andere nachdenkliche Zeitgenossen damals – als »ungerechten Reichtum«. Elisabeth weigerte sich, davon zu essen. Sie hungerte zeichenhaft am reich gedeckten Tisch. Erst schlug ihr Irritation, später offene Ablehnung entgegen.

Solange ihr Mann lebte, schützte er sie vor den Zugriffen der mächtigen Standesgenossen, die merkten, dass der andere Weg der Elisabeth auch sie selbst unterschwellig bedrohte. Es provozierte sie, wenn Elisabeth ihren eigenen Besitz verschenkte. Und als ihr Mann starb, setzten sie die Enteignung der Frau durch.

Elisabeth konnte schließlich erreichen, dass sie soviel zurück erhielt, um in Bamberg ein Spital zu gründen. Bis zu ihrem Lebensende hat sie darin Kranke gepflegt, insbesondere behinderte Kinder. Doch letztlich haben damals die Verteidiger der alten Wirtschaftsordnung fast auf der ganzen Linie gesiegt. Sie selbst jedoch blieb durch diesen heiligmäßigen kleinen Ausbruch aus dem System mehr in Erinnerung unseres Landes als alle ihre Zeitgenossen. Sie ist bis heute Patronin der Caritas.

 

 

markusjacobs

 

 

 

 

DDr. Markus Jacobs
Pfarrer im Pastoralverbund Bielefeld Mitte-Nord-West

Bildquelle: www.pfarrbriefservice.de©Klaus Metz (Skulptur), Peter Weidemann (Foto)

 

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