... könnte der Alltag vom Karneval lernen

18247 maedchen geschminkt by peter weidemann pfarrbriefserviceWort zum Sonntag, Westfalen Blatt, 10. Februar 2018

Zwei Sätze: häufig mit ernster Miene und höherem Stimmdruck gesprochen; ...

 

... zwei Sätze, häufig gehört, obwohl sie inhaltsleer sind, aber richtig Stimmung erzeugen. Der eine, dramatisch eingebaut: „Das lassen Sie mich auch noch sagen, meine Damen und Herren!“ Der andere, in Interviews wie im persönlichen Gespräch: „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!“ – In meinem Inneren steigen dann Antworten auf wie: ‚Sag‘s doch einfach und lass die Schleifen weg!‘ und ‚Natürlich darfst du alles sagen; du tust es doch gerade!‘ Schlimmer als die Null-Aussage finde ich die beabsichtigte Stimmung. Im ersten Fall wird unterschwellig nahegelegt: ‚Eigentlich will man das nicht (mehr) hören!‘ Im zweiten Fall ähnlich: ‚Ich darf  meine (abweichende) Meinung nicht offen sagen‘  - Auch, wenn ich beim Karneval nicht der dollste Jeck bin, so lobe ich mir doch an dieser Zeit, dass jeder alles sagen darf, ohne bitten zu müssen, es sagen zu dürfen! Da gibt’s Gereimtes, Geblödeltes, Geschliffenes und - im doppelten Sinn – Ungereimtes, gelegentlich auch buchstäblich Unsägliches; aber auch das ist das Besondere der Karnevalszeit: Alles darf raus - wenn’s nicht böswillig ist - auch ein bisschen schärfer und spitzer. Dass so unterschiedliche Politiker wie Gregor Gysi und Winfried Kretschmann sich in diesem Jahr als „Ordensritter wider den tierischen Ernst“ vor begeistertem Publikum in sprachlich geistreichem Turnier wohlwollender Gemeinheiten messen konnten, zeigt eine Kultur der belastbaren Wertschätzung, die im Spott gut auf Verächtlichmachung verzichten kann. Der Karneval lehrt auf nette Weise, dass sichtbar-machen nicht anschwärzen sein muß, Schwächen benennen nicht bloßstellen, und dass spotten etwas anderes ist als fertigmachen. - Ein zweites Merkmal könnte der Alltag vom Karneval lernen: Ein Beitrag muss lustig sein, zum Lachen anregen, sonst ist er langweilig. Für öffentliche wie auch private Äußerungen könnte das heißen: Ein Beitrag muß sinnvoll sein, weiterführend, interessant, sonst ist er ebenfalls langweilig, überflüssig und lediglich Lebenszeit verkürzend. Meine Erfahrung ist: Wer Interessantes sagt, Aufbauendes, Gutes benennt und loben kann, wer angebrachte Kritik und Warnungen so verpackt, dass der Adressat sie annehmen kann, in dessen Äußerungen fallen die anfangs benannten Sätze nie: Lassen Sie mich das auch noch sagen ! Und: Das wird man ja wohl noch sagen dürfen! – Nicht extra ausgesucht aber trotzdem in der sonntäglichen Leseordnung zu finden: Ob ihr esst oder trinkt oder etwas anderes tut: tut alles zur Verherrlichung Gottes (Paulus, 1Kor10,31). Das wird man doch wohl noch sagen dürfen, oder?
Einen schönen Sonntag (und für alle Karnevalisten: eine schöne Jeckenzeit!)
Pfr. Bernhard Brackhane

 

 Pfarrer Bernhard Brackhane, Foto Westfalen Blatt

 

Bildquelle: Pfarrbriefservice © Peter Weidemann

 

 

Bernhard Brackhane
Pfarrer und Leiter des Pastoralverbundes Bielefeld-Ost

 

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