Der Hahn und die Kälte

14665 p1250337 bearbeitet 1 by peter weidemann pfarrbriefserviceWort zum Sonntag, Westfalen Blatt, 3. März 2018

Es ist bitterkalt in Deutschland, es ist bitterkalt fast in ganz Europa!

Es ist so kalt, dass viele Menschen es im Augenblick nicht lange an der frischen eiskalten Luft aushalten und Eltern sich Sorgen um ihre kleineren Kinder machen. Wenn Leute von draußen in ein Gebäude eintreten, fällt deshalb in diesen Tagen oft der Satz: ‚Hier ist es wenigstens schön warm‘. Für eine gute Heizung statt der Kälte beim Warten an Bushaltestellen, bei Arbeiten im Freien… wäre auch im Moment mancher bereit, einiges zu geben.
Genau solch ein Moment der Kälte gehört zu den sehr verstörenden und gleichzeitig so menschlichen Geschehnissen in der Heiligen Schrift. Die entsprechende Erzählung findet sich in der Leidensgeschichte Jesu, welche sich also kurz vor seinem Tod abgespielt hat. Sie passt genau in die augenblickliche Vorbereitung auf Ostern:
Es geht um Petrus und Jesus. Die Jünger haben die Festnahme ihres Meisters, also die Verhaftung Jesu, nicht verhindern können. Es war ja sogar einer aus ihrem engsten Kreis, der den Soldaten den Aufenthaltsort Jesu verraten hatte. Die meisten von ihnen waren sogar offensichtlich vor Angst geflohen. Petrus versucht wenigstens, sich unerkannt in der Nähe Jesu zu halten, während Jesus in einem Gebäude verhört wird. Eigentlich will er gar nicht erkannt werden, aber langsam kriecht während der langen Nachtstunden in ihm die Kälte hoch. Es heißt an der entsprechenden Stelle in der Bibel: „Die Diener und die Knechte hatten sich ein Kohlenfeuer angezündet und standen dabei, um sich zu wärmen; denn es war kalt. Auch Petrus stand bei ihnen und wärmte sich.“ (Joh 18,18)
Petrus friert, und die Kälte bringt ihn in eine Situation, wie er sie nie erleben wollte: Immer wieder spricht ihn jemand am Feuer an. Da kommen ja die Verschiedensten vorbei. Unter ihnen sind auch Leute, die ihn wiedererkennen aus früheren Begebenheiten mit Jesus. Langsam bekommt Petrus vermutlich Angst um sein eigenes Leben: ‚Wenn sie mich jetzt hier auch verhaften…‘ Schließlich macht diese Leitfigur der Apostel das, wovon er noch wenige Stunden vorher Jesus versprochen hatte, dass es ihm nie passieren würde: Er lügt und sagt, dass er Jesus gar nicht kennen würde – die berühmte Verleugnung des Petrus! Drei Mal sogar verleugnet er ihn.
Kurz darauf kräht dann der Hahn. Es ist der Hahnenschrei am Morgens des Todes Jesu! Petrus weint - genauso bitterlich, wie vorher die Kälte war. Bis heute ist deshalb auf vielen Kirchtürmen ein Hahn angebracht, der sich selbst in den Wind dreht, so wie Petrus es getan hatte. Er steht für den Weckruf: ‚Steh auf zum Gebet und denk an deine Verleugnungen der Liebe!‘
In diesen Tagen des Frostes und der strahlenden Sonne halten auf unseren Kirchtürmen viele Hähne in der klirrenden Kälte aus. Ein Blick hinauf erinnert alle, die hinaufschauen: Auch du kannst vermutlich mutiger lieben, auch du verleugnest möglicherweise Überzeugungen und die Liebe zu Menschen, die dir eigentlich kostbar sind…

 

markusjacobs

 

 

 

 

DDr. Markus Jacobs
Pfarrer im Pastoralverbund Bielefeld Mitte-Nord-West

Bildquelle: www.pfarrbriefservice.de© Peter Weidemann

 

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