Böse Geister

Peter Weidemann PfarrbriefserviceWort zum Sonntag, Westfalen Blatt, 29. September 2018

„Heiliger Erzengel Michael, verteidige uns im Kampf …, stürze den Satan und die anderen bösen Geister, die zum Verderben der Seelen in der Welt umherschleichen, in der Kraft Gottes hinab in die Hölle!“

Diese markige Ouvertüre meines kleinen Artikels war der Schlussakkord nach dem Rosenkranz, den ältere Damen in einer früheren Pfarrei beteten (Autor: Papst Leo XIII. (1878-1903). Der heutige 29.09. ist der Gedenktag dieses wehrhaften Erzengels, der in unzähligen Darstellungen mit gezieltem Lanzenstich den Teufelsdrachen besiegt. Das bezieht sich auf eine Stelle im letzten Buch der Bibel (Offb 12,7-9). Für mein eigenes Beten taugen die wachgerufenen starken Bilder nicht; dennoch tauchte die Bitte um Abwehr der „bösen Geister, die zum Verderben der Seelen in der Welt umherschleichen“ in mir auf, als letztens wieder von tausenden Missbrauchsfällen in Kirchenkreisen zu hören war. Wieder richten sich Wut und Entsetzen auf die jahrzehntelange Missachtung des Leidens der Opfer, gegen Systeme von Vertuschung in Täterkreisen, die nach außen hin Nächstenliebe und Moral verteidigten und sie doch persönlich mit Füßen traten. Es liegt nicht am Evangelium. Es liegt nicht an moralischen Grundsätzen, die unser Leben schützen. Es liegt nicht an einer durch anscheinend überholte Traditionen verkrüppelten Kirche. Ungeklärte Missstände und dunkle Kumpanei haben ihre Ursache in bösen Impulsen, die sich umso breiter machen, je mehr man sich ihnen überlässt. So sah das auch Jesus: „Denn von Innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen die bösen Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bosheit …“ (Mk 7,21f). Schleichende Zuspitzung und Verrohung von Sprache und Verhalten, schleichend abnehmendes Verantwortungsbewusstsein für eigenes Fehlverhalten, schleichende Abwertung der Rechte anderer und Andersdenkender – das sind heutige „böse Geister, die in der Welt … umherschleichen“. Jesus hatte es oft mit Kräften zu tun, die man als „böse Geister“ betrachtete. Sein Umgang ist kurz und bündig. Einem solchen bösen Geist, der sich in einem Menschen breitgemacht hatte, gebot er mit sofortigem Erfolg: „Schweig und verlass ihn!“ (Mk 1,25) – Liebe Leserin, lieber Leser, der große Erz- und Tagesengel St. Michael (= „Wer ist wie Gott!?“) ist kein Handschmeichler. Er eignet sich nicht als Auto-Rückspiegel-Zappler. Vielmehr erinnert sein Name daran, dass ein Leben auf der Seite des Guten nicht selten Entscheidung, Auseinandersetzung, Abstandnehmen und Abstandhalten bedeutet: von falschen Gedanken, falschen Vorstellungen, falschen Taten und falschen „Freunden“.

Einen angstfreien, (guten-)geist-reichen frohen Sonntag!

Pfr. B. Brackhane

 

Pfarrer Bernhard Brackhane, Foto Westfalen Blatt

Bild: Peter Weidemann
In: Pfarrbriefservice.de

 

 

Bernhard Brackhane
Pfarrer und Leiter des Pastoralverbundes Bielefeld-Ost

 

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