Zeit „to fasten“

9900 dsc 8161Wort zum Sonntag, Westfalen Blatt, 30. März 2019

Über 100 Eissorten zur Auswahl in der Eisdiele, 50 Fernsehprogramme im eigenen Wohnzimmer, individuell anpassbare Tarife der KFZ-Versicherung – fast unbegrenzte Möglichkeiten, aus denen man, ganz nach den eigenen Bedürfnissen, auswählen kann.

Wohl eher unbewusst werden uns am gewöhnlichen Tag bereits nach dem Aufwachen die ersten Entscheidungen abverlangt: Sofort aufstehen oder später? Die Jeans oder eine andere Hose? Käse, Marmelade oder Wurst aufs Brötchen? Dann… die gewohnte Zahnpasta oder lieber die andere im Sonderangebot kaufen? Die günstigen Tomaten mit Verpackung oder die teuren lose? Zigmal am Tag entscheiden wir. Kinder sind stolz, wenn sie schon selbst entscheiden dürfen, was sie anziehen, womit das Butterbrot belegt werden soll und mit wem sie sich zum Spielen verabreden – und welcher Jugendliche ersehnt nicht die Freiheit der Volljährigkeit, um endlich selber entscheiden zu dürfen, wann er was tut und lässt.
Bei Terminplanungen in der Kirchengemeinde fragte mich kürzlich jemand: „Muss ich am Tag xy da sein? Eigentlich kann ich nicht.“ Ich sagte: „Entscheiden Sie, ob das für Sie und Ihre Familie zumutbar ist oder eher nicht.“ „Danke, dass Sie mir die Wahl lassen, aber lieber wäre mir, ich müsste das nicht selber entscheiden. Es wäre einfacher, Sie würden das für mich tun“, bekam ich zur Antwort.
Unbegrenzte Entscheidungs-Optionen haben eben auch zur Folge, entscheiden zu müssen – und die Flut der Möglichkeiten führt mitunter eher zu einer „Entscheidungs-Lähmung“ – mit dem Effekt, sich unfähig zu fühlen sich festzulegen.
Die Katholiken begehen diese Wochen vor Ostern als „Fastenzeit“. Wir könnten sie nutzen als Zeit „to fasten“ (englisch „to fasten“ = befestigen) uns festzumachen, festzulegen im Sinne von „entscheiden“ – zumindest in den Grundfragen unseres Lebens.
Eine „Entscheidungs-Geschichte“ begegnet uns an diesem Sonntag in den katholischen Gottesdiensten: Das Gleichnis vom „Verlorenen Sohn“ oder vom „Barmherzigen Vater“ – je nachdem... Da geht es um Entscheidendes: um Leben, Beziehungen, Heimkehr, Versöhnung – auch Unverständnis und Neid des Bruders. Die Wahl des jungen Mannes, seine Familie, Haus und Hof zu verlassen, erweist sich schließlich als Fehlentscheidung. Am persönlichen Tiefpunkt angelangt, beschließt er den Rückweg und wird daheim vom Vater mit offenen Armen empfangen. Klar wird:
- Entscheiden-Können schließt Fehlentscheidungen nicht aus. Es kann schiefgehen.
- Neu entscheiden (umkehren) ist möglich – jedenfalls bei Gott.
- Entscheiden müssen wir selber; das nimmt uns keiner ab – auch nicht Gott.
- Entschieden hat er aber längst vor uns – nämlich für uns!

Mit dieser Gewissheit dürfen wir uns getrost „festlegen“. Es ist ja „Fasten-Zeit“.

Ihre Eva-Maria Nolte, Gemeindereferentin im „Bielefelder Osten“

Eva Maria Nolte 2017

 

 

 

 

Eva-Maria Nolte, Gemeindereferentin im Pastoralverbund Bielefeld-Ost

Bildquelle: Pfarrbriefservice © Paulus Decker

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