„Reisende soll man nicht aufhalten.“
Gerade jetzt, wo für viele der große Urlaub des Jahres bevorsteht, ist das ein ziemlich guter Rat. Bloß niemanden zurückhalten oder gar zurückpfeifen. Entspannung, Abenteuer, neue Eindrücke – all das wartet dort draußen. Abschalten und anschließend mit neuer Energie in den Alltag zurückkehren. Großartig.
Mir begegnete dieser Satz vor einigen Monaten allerdings in einem ganz anderen Zusammenhang. Und dort hatte er wenig mit Aufbruch zu tun.
Der Sonntagsgottesdienst – für viele der Inbegriff katholischen Lebens – fühlte sich für mich schon seit einiger Zeit nicht mehr nach Innehalten und gemeinsamer Feier an. Vielmehr wurde er zu einer Pflicht, die ich zunehmend kritisch hinterfragte. Nach einem Gottesdienst kam ein Freund auf mich zu und fragte: „Das war doch echt klasse, oder?“ Tja. Was nun antworten? Ich erzählte ihm kurz von meinen Gedanken. Er drehte sich zur Seite und sagte nur: „Wie heißt das so schön? Reisende soll man nicht aufhalten.“
Ich blieb zurück und fragte mich, was dieser Satz eigentlich bedeuten sollte. „Dann geh doch, wenn es dir nicht gefällt“? „Mach mir meine positiven Eindrücke nicht kaputt“? Oder war das sogar eine freundliche Aufforderung zum Kirchenaustritt?
Mir wurde in diesem Moment klar: Es ging gar nicht nur um den Gottesdienst. Wer Kirche kritisiert, kritisiert für manche Menschen nicht einfach eine Institution. Er berührt Erinnerungen, Heimat, Familie und Glauben. Vielleicht die Taufkirche. Vielleicht die Kirchenbank, auf der schon die Mutter oder die Großeltern saßen. Kirche ist für viele weit mehr als ein Gebäude oder eine Organisation – sie ist Teil der eigenen Lebensgeschichte. Und genau deshalb werden Diskussionen über Kirche so schnell emotional.
Natürlich gibt es auch Menschen, die Kirche pauschal ablehnen, ohne genauer hinzuschauen. Das führt genauso wenig weiter.
Wirklich spannend wird es dort, wo Menschen bereit sind, einander zuzuhören. Denn aus meiner Erfahrung können gerade diejenigen, die der Kirche heute fernstehen, oft erstaunlich genau benennen, was sie an ihr schätzen.
Sie erzählen von bewegenden Erinnerungen, von Gemeinschaft, von Momenten, die sie getragen haben. Aber eben auch von Dingen, die sie verletzt oder enttäuscht haben.
Vielleicht ist genau das eine der größten Herausforderungen für uns als Kirche: Kritik nicht sofort als Angriff zu verstehen. Wer sagt, was ihn stört, will nicht zwangsläufig zerstören.
Manchmal hofft er sogar, dass etwas besser werden kann.
Genauso sollten auch diejenigen, die Kirche kritisieren, bereit sein anzuerkennen, dass sie für viele Menschen Heimat und Kraftquelle ist.
Sicherlich können wir nicht alles umwerfen. Aber wir können an manchen Stellschrauben drehen. Eigene Sichtweisen hinterfragen. Kompromisse suchen. Neues ausprobieren. Miteinander diskutieren. Und anschließend prüfen, was trägt.
Vielleicht sollten wir Reisende tatsächlich nicht aufhalten. Aber wir sollten sie fragen, warum sie überhaupt ihre Koffer packen. Denn manchmal wollen Menschen Kirche gar nicht verlassen. Sie wünschen sich nur eine Kirche, in der sie bleiben können.
Autor: Benedikt Getta