© Kozyr/Shutterstock.com
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Wort zum Sonntag

In regelmäßigen Abständen schreiben ehrenamtlich und hauptberuflich Mitarbeitende aus dem Dekanat für die Presse in Bielefeld und Lippe ein "Wort zum Sonntag". Den aktuellen und zuletzt erschienenen Beitrag finden Sie hier.

... in Bielefeld

„Reisende soll man nicht aufhalten.“

Gerade jetzt, wo für viele der große Urlaub des Jahres bevorsteht, ist das ein ziemlich guter Rat. Bloß niemanden zurückhalten oder gar zurückpfeifen. Entspannung, Abenteuer, neue Eindrücke – all das wartet dort draußen. Abschalten und anschließend mit neuer Energie in den Alltag zurückkehren. Großartig.

Mir begegnete dieser Satz vor einigen Monaten allerdings in einem ganz anderen Zusammenhang. Und dort hatte er wenig mit Aufbruch zu tun.

Der Sonntagsgottesdienst – für viele der Inbegriff katholischen Lebens – fühlte sich für mich schon seit einiger Zeit nicht mehr nach Innehalten und gemeinsamer Feier an. Vielmehr wurde er zu einer Pflicht, die ich zunehmend kritisch hinterfragte. Nach einem Gottesdienst kam ein Freund auf mich zu und fragte: „Das war doch echt klasse, oder?“ Tja. Was nun antworten? Ich erzählte ihm kurz von meinen Gedanken. Er drehte sich zur Seite und sagte nur: „Wie heißt das so schön? Reisende soll man nicht aufhalten.“

Ich blieb zurück und fragte mich, was dieser Satz eigentlich bedeuten sollte. „Dann geh doch, wenn es dir nicht gefällt“? „Mach mir meine positiven Eindrücke nicht kaputt“? Oder war das sogar eine freundliche Aufforderung zum Kirchenaustritt?

Mir wurde in diesem Moment klar: Es ging gar nicht nur um den Gottesdienst. Wer Kirche kritisiert, kritisiert für manche Menschen nicht einfach eine Institution. Er berührt Erinnerungen, Heimat, Familie und Glauben. Vielleicht die Taufkirche. Vielleicht die Kirchenbank, auf der schon die Mutter oder die Großeltern saßen. Kirche ist für viele weit mehr als ein Gebäude oder eine Organisation – sie ist Teil der eigenen Lebensgeschichte. Und genau deshalb werden Diskussionen über Kirche so schnell emotional.

Natürlich gibt es auch Menschen, die Kirche pauschal ablehnen, ohne genauer hinzuschauen. Das führt genauso wenig weiter.

Wirklich spannend wird es dort, wo Menschen bereit sind, einander zuzuhören. Denn aus meiner Erfahrung können gerade diejenigen, die der Kirche heute fernstehen, oft erstaunlich genau benennen, was sie an ihr schätzen.
Sie erzählen von bewegenden Erinnerungen, von Gemeinschaft, von Momenten, die sie getragen haben. Aber eben auch von Dingen, die sie verletzt oder enttäuscht haben.

Vielleicht ist genau das eine der größten Herausforderungen für uns als Kirche: Kritik nicht sofort als Angriff zu verstehen. Wer sagt, was ihn stört, will nicht zwangsläufig zerstören.
Manchmal hofft er sogar, dass etwas besser werden kann.

Genauso sollten auch diejenigen, die Kirche kritisieren, bereit sein anzuerkennen, dass sie für viele Menschen Heimat und Kraftquelle ist.

Sicherlich können wir nicht alles umwerfen. Aber wir können an manchen Stellschrauben drehen. Eigene Sichtweisen hinterfragen. Kompromisse suchen. Neues ausprobieren. Miteinander diskutieren. Und anschließend prüfen, was trägt.

Vielleicht sollten wir Reisende tatsächlich nicht aufhalten. Aber wir sollten sie fragen, warum sie überhaupt ihre Koffer packen. Denn manchmal wollen Menschen Kirche gar nicht verlassen. Sie wünschen sich nur eine Kirche, in der sie bleiben können.

Autor: Benedikt Getta

... in Lippe

„Hab Mut, steh auf“,

das war der Leitsatz vom diesjährigen Katholikentag in Würzburg. Dieses Wort stammt aus dem Markus-Evangelium (10,49). Der blinde Bartimäus wird so von Umstehenden aufgefordert, auf Jesus zuzugehen. Und in der Begegnung mit ihm wird er gesund, kann er wieder sehen. Jesus sagt: „Dein Glaube hat Dich geheilt.“ (10,52) Die Ermutigung hat zum Erfolg geführt.

Viele Menschen werden sich so eine Ermutigung wünschen, z.B. in Situationen, wenn das Leben immer schwerer zu werden scheint: Jemand ist körperlich und geistig erschöpft, kann nicht mehr viel leisten. Die Alltagsprobleme werden nicht angegangen. Man fühlt sich erstarrt, blockiert, innerlich wie gelähmt, ausgebrannt.

Allerdings ist es schwer, sich in solchen Situationen selbst zu ermutigen. Dafür brauchen wir in der Regel andere, wie es die Bartimäus-Geschichte erzählt. Sie können uns Anregungen zu geben, damit wir aus schwierigen Lagen wieder herauskommen. So hoffe ich, dass auch wir im entscheidenden Augenblick den hilfreichen Anstoß erhalten „Hab Mut, steh auf“.

Autor: Pfarrer i.R. Winfried Neumann