Der nächste Schritt zählt
Am 3. Oktober 1990 war Deutschland wieder ein vereintes Land. Doch damit begann etwas, das sich durch keinen Vertrag herstellen lässt: Aus staatlicher Einheit musste menschliche Verbundenheit wachsen. Denn ein politischer Beschluss schafft noch kein Vertrauen zwischen Menschen.
Vertrauen entsteht dort, wo Menschen miteinander in Beziehung treten. Und dafür braucht es Zeit.
Das zeigt sich überall dort, wo Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen und Erwartungen aufeinandertreffen. Nähe und Vertrauen entstehen nicht auf Knopfdruck. Sie wachsen, wenn Menschen einander kennenlernen, wirklich zuhören und bereit sind, sich aufeinander einzulassen. Auch nach Enttäuschungen oder Konflikten braucht es oft Zeit, bis Vertrauen wieder wachsen kann.
Auch Jesus spricht im Evangelium von Einheit. Kurz vor seinem Tod betet er für die Menschen, die zu ihm gehören: „Alle sollen eins sein.“ Er spricht damit von einer Einheit, die mehr ist als bloße Übereinstimmung.
Die Menschen, die ihm folgen, bleiben verschieden. Sie haben unterschiedliche Erfahrungen, Charaktere und Sichtweisen. Verbunden sind sie miteinander, weil sie mit Christus verbunden sind. Unterschiede verschwinden dadurch nicht, aber sie müssen auch nicht das letzte Wort haben.
Das ist anspruchsvoll. Große Worte über Zusammenhalt sind schnell gesagt. Entscheidend wird es dort, wo Einheit wirklich gewollt wird und Beziehung konkret wird: wenn einer wirklich zuhört, wenn ein alter Vorwurf nicht immer wieder hervorgeholt wird oder wenn jemand den Mut hat zu sagen: „Lass uns noch einmal miteinander reden.“ Solche Schritte wirken klein.
Aber ohne sie bleibt Einheit schnell ein leeres Wort.
Der Tag der Deutschen Einheit erinnert an ein großes historisches Ereignis. Zugleich erinnert er uns daran, dass Einheit nie einfach fertig ist. Sie muss immer wieder wachsen – zwischen Menschen, in Familien und nicht zuletzt in unserem Land. Das braucht Geduld, Vertrauen und immer wieder die Bereitschaft, den anderen nicht aufzugeben.
Einheit beginnt genau dort, wo einer den nächsten Schritt auf den anderen zugeht – auch wenn es zunächst nur ein scheinbar kleiner.
Autor: Vikar Markus Hanke