© Kozyr/Shutterstock.com
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Wort zum Sonntag

In regelmäßigen Abständen schreiben ehrenamtlich und hauptberuflich Mitarbeitende aus dem Dekanat für die Presse in Bielefeld und Lippe ein "Wort zum Sonntag". Den aktuellen und zuletzt erschienenen Beitrag finden Sie hier.

... in Bielefeld

Weitblick auf Adelers Fittichen

Einen Steinadler zu beobachten, ist eine seltene Freude. Als wir im Juli im Karwendelgebirge unterwegs waren, flog einer dieser beeindruckenden Vögel mehrmals nah über uns hinweg. Mit Blick auf die langen, vorne wie Finger gespreizten Flügel dachte ich an die Liedzeile „…der dich auf Adelers Fittichen sicher gefüüühret“ – bekannt vom Gassenhauer der Kirchenmusik „Lobet den Herrn“.

Da der Wurm nun für den restlichen Tag im Ohr sitzt, bleiben wir doch bei geistlichem Liedgut.
In diesem Jahr wird Paul Gerhardts 350. Todestag gedacht. Er schuf viele Lieder, die uns heute noch berühren und zugänglich sind. Obwohl er im 17. Jahrhundert in einer ganz anderen Zeit lebte, verstehen wir seine Dichtung zu allen erdenklichen Gemütszuständen und Lebenslagen. Erstaunlich, einerseits.

Andererseits auch nicht. Die Umbrüche zur Zeit des Dreißigjährigen Kriegs und der kirchenpolitischen Konflikte waren enorm, was Paul Gerhardt krass erlebte. Doch er suchte die Zuversicht und das Schöne, fand beides in Gottes Geschenken und zeigte es durch seine Lieder.

Auch heute bemerken wir in fast allen Lebensbereichen, dass eine Epoche relativer Stabilität zu Ende geht, dass Selbstverständlichkeiten in Frage gestellt sind und neue Antworten erst mühsam entwickelt werden müssen.
In solchen Wechselzeiten herrscht oft eine misstrauische, mutlose Unsicherheit vor. Viele sind versucht, sich zurückzuziehen und zu resignieren – oder die Wut in Gewalt auszuleben. Da ist Zuversicht allzu willkommen.

Ja doch, das sind holzschnittartige Zuschreibungen, hobbyhistorische Schwafelei. Und doch drängen sich mir solche Parallelen immer wieder auf bei der Geschichte des Volkes Israel.
Die großen Erzählungen im Alten Testament sind Lehrstücke über Um- und Aufbrüche.
Nehmen wir den Auszug aus der ägyptischen Gefangenschaft und den Weg durch die Wüste ohne klare Perspektive: Für mich ist das der Inbegriff des Zelteabbrechens, des Loslassens und des Durchhaltens im Vertrauen.
Mitten in der Wüste Sinai, beim Zwischenstopp, spricht Gott zum Anführer Mose: „Ihr habt gesehen, was ich den Ägyptern angetan habe, wie ich euch auf Adlerflügeln getragen und zu mir gebracht habe.“ (Ex 19, 4).

Gottes Zuspruch ist: Ich lasse euch nicht fallen. Verlasst euch auf mich.

Ich möchte den göttlichen Adler weniger als risikofreies Flugtaxi sehen, das man per Gebet bestellt für den Exodus aus der Unsicherheit. Vielmehr hilft Gott den Menschen, aus dem Klein-Klein der Ungewissheit, der Unübersichtlichkeit hochzusehen.

Auf Adelers Fittichen sehen wir die größeren Zusammenhänge, weiten das Verständnis für Vergangenes und Zukünftiges. Gottes Zuspruch ist: Nehmt die Vogelperspektive ein und seht! Habt keine Angst, in die Tiefe abzustürzen, denn ich halte euch.
Unseren Weg im Gebirge haben wir Gottseidank sicher hinter uns gebracht. Gegangen sind wir ihn selbst. „Geh aus mein Herz und suche Freud…“

Autorin: Valentina Dopheide

... in Lippe

Nicht aufgeben. 

Als ich meinen Nichten und Neffen beim Spielen mit einem Tretroller zusah, brach nach kurzer Zeit ein Streit unter ihnen aus. Sie wollten nicht miteinander teilen, bis meine Nichte Regeln aufgestellt hat.
Alle Kinder durften dem Alter nach zwei Minuten fahren, die Zeit wurde gestoppt. Ich war beeindruckt, dass sie den Konflikt selbst gelöst und sich alle an die Vereinbarung gehalten haben.

In Mt.18,3 fordert uns Jesus auf wie Kinder zu sein.

Für mich bedeutet das vor allem bescheiden und ohne Vorurteile zu leben, aber auch hier konnte ich mir die Kleinsten zum Vorbild nehmen.
Ganz fremd ist das vermutlich für niemanden. In einem schlechten Augenblick folgt ein Wort auf das nächste und am Ende wurde viel gesagt aber nicht miteinander gesprochen.
Ein Großteil dieser Konflikte lässt sich untereinander lösen.

Es gibt aber auch Situationen, in denen es nicht mehr nur um Meinungsverschiedenheiten geht, sondern um Erniedrigungen und Ausgrenzungen, verursacht durch ein vermeintliches Gefühl von Überlegenheit. In solchen Momenten ist es wichtig, dass Menschen den Mut haben einzugreifen und Betroffenen zur Seite zu stehen.

Auch solche Konflikte können gelöst werden, wenn die Täter einsichtig sind und ihre Ideologie ablegen.
Vom Saulus zum Paulus, ein neuer Blick auf meinen Nächsten erfüllt mit Liebe, nicht mit Hass. So kann Gott in uns wirken.

Wichtig ist, dass wir einander nicht aufgeben und im Rahmen unserer Möglichkeiten alles tun, damit Friede einkehrt. Vielleicht hilft es, wenn wir mit dem Verantwortungsbewusstsein eines Erwachsenen auch immer ein wenig Kind bleiben.

Denn kein Kind wird mit Hass im Herzen geboren, sie sind lernwillig, unvoreingenommen und bereit zu vergeben.

Autorin: Inga Haukambe